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Prozesse und Agenten: Wo steckt das Potenzial zur Agentisierung?

Lesezeit: 10 Minuten
Worum geht es in diesem Beitrag?

Das Potenzial von KI-Agenten ist hoch und sowohl Erwartungen als auch Investitionen steigen kontinuierlich. Dennoch bleibt der tatsächliche Einsatz in Kernprozessen bislang hinter den Möglichkeiten zurück. Ein wesentlicher Grund dafür liegt weniger in der Technologie selbst als vielmehr in unzureichend vorbereiteten Geschäftsprozessen, die nicht für den Einsatz von Agenten ausgelegt sind.

Erfolgreiche Agentisierung setzt daher ein klares Verständnis der eigenen Prozesslandschaft voraus.

Anstatt isolierte KI-Anwendungen zu entwickeln, geht es darum, systematisch zu identifizieren, wo Agenten echten Mehrwert schaffen können.

Dazu werden drei konkrete Ansätze vorgestellt, die Unternehmen dabei unterstützen, geeignete Einsatzfelder zu priorisieren und erste Pilotprojekte gezielt umzusetzen. Ziel ist es, den Übergang von punktuellen Optimierungen hin zu einer kontinuierlichen, technologiegetriebenen Weiterentwicklung von Geschäftsprozessen zu ermöglichen.

Von Ambition zu Wirkung: Warum Agentisierung bei Prozessen beginnt

Die Euphorie um KI-Agenten ist groß. Microsoft hat 2026 zum „Year of the Agent“ ausgerufen und aktuelle Studien zeigen, dass fast 70 % der befragten Führungskräfte erwarten, dass autonome KI-Agenten ihren Betrieb grundlegend verändern werden. Gleichzeitig zeigt sich eine ernüchternde Realität: Nur 6 % der Unternehmen vertrauen ihren KI-Agenten tatsächlich bei Kernprozessen. Die Lücke zwischen Ambition und Umsetzung ist enorm. 

Der Grund dafür liegt oft nicht in der Technologie selbst, sondern in der fehlenden Vorarbeit. Viele Organisationen investieren massiv in KI, sehen aber kaum Wirkung, weil ihre zugrunde liegenden Geschäftsprozesse nie für KI konzipiert wurden. Ohne ein Neudenken der Abläufe bleiben KI-Initiativen hinter ihren Versprechen zurück. 

Dabei sind Unternehmen seit Jahrzehnten in einem Zyklus aus schmerzhaften, episodischen Veränderungsprojekten gefangen, große Reengineering-Vorhaben, teure IT-Migrationen, und am Ende bleibt der grundlegende Stoffwechsel der Organisation träge. Die immensen Transaktionskosten, die Reibung bei der Koordination von Menschen, der Verwaltung von Informationen und der Abstimmung komplexer Arbeitsabläufe haben tiefgreifende, kontinuierliche Transformation bislang zu teuer und zu riskant gemacht. Doch genau hier liegt das Versprechen von KI-Agenten. Die Agenten ermöglichen den Übergang von episodischer Transformation zu kontinuierlicher Evolution. 

Die entscheidende Frage lautet also nicht „Sollen wir KI-Agenten einsetzen?“, sondern

Wo genau lohnt sich die Agentisierung und wie finde ich die richtigen Prozesse? 

Ansatz 1: Agentisierung Über die Prozessstruktur 

Ansatz 1: Agentisierung über die Prozessstruktur 

Der naheliegendste Einstieg führt über das, was in jedem gut geführten Unternehmen bereits existieren sollte - die Prozesslandkarte.

Der Ablauf ist methodisch und systematisch. Zunächst gilt es, die bestehende Prozesslandkarte zu extrahieren und sichtbar zu machen. Dann werden die Prozesse auseinandergeschnitten, in einzelne Teilprozesse und Aktivitäten zerlegt. Anschließend erfolgt die Priorisierung. Welche dieser Teilprozesse sind regelbasiert, datenintensiv und wiederholbar genug, um von einem Agenten übernommen zu werden? 

Dieser Ansatz hat den Vorteil, dass er die Gesamtarchitektur der Organisation respektiert und nicht isolierte Insellösungen produziert. Er zeigt auf, wo Agenten als eigenständige Akteure in bestehende Abläufe eingebettet werden können, ohne das Gesamtsystem zu destabilisieren. 

Ein historischer Vergleich macht deutlich, warum das so wichtig ist. Als Elektrizität erstmals in Fabriken Einzug hielt, ersetzten die Betreiber:innen lediglich den zentralen Dampfantrieb durch einen Elektromotor und behielten das alte System aus Riemen und Wellen bei. Es dauerte Jahrzehnte, bis man erkannte, dass die wahre Produktivität eine völlige Neugestaltung der Fabrik erforderte. Ähnlich verhält es sich heute mit KI-Agenten. Wer sie nur auf bestehende Strukturen aufsetzt, verschenkt den Großteil des Potenzials. Die eigentlichen Produktivitätsgewinne entstehen erst, wenn Daten maschinenlesbar strukturiert, Systeme über APIs zugänglich gemacht und Silos aufgelöst werden. Aktuelle Produktivitätsschätzungen unterschätzen die Möglichkeiten von KI massiv, weil sie lediglich die Automatisierung einzelner Aufgaben innerhalb bestehender Strukturen betrachten, die wirklichen Gewinne kommen erst durch die Neugestaltung ganzer Abläufe. 

Ansatz 2: Agentisierung über Dokumente 

Ansatz 2: Agentisierung über Dokumente 

Der zweite Ansatz nimmt eine pragmatische Perspektive ein. Wo entstehen im Unternehmen besonders viele Dokumente? Wo werden Informationen manuell zusammengetragen, Berichte erstellt, Angebote formuliert oder Daten aus verschiedenen Quellen konsolidiert? 

Dokumente sind ein zuverlässiger Indikator für repetitive Wissensarbeit, genau die Art von Tätigkeit, bei der KI-Agenten ihre Stärken ausspielen. Die Kriterien für die Priorisierung sind einfach: hohes Dokumentenvolumen, wiederkehrende Strukturen und ein hoher Anteil an Recherche - und Zusammenfassungsarbeit. 

In der Praxis kann das bedeuten, einen Agenten einzusetzen, der Angebotsunterlagen aus CRM-Daten, Preislisten und technischen Spezifikationen zusammenstellt, oder einen Agenten, der Lieferantenbewertungen aggregiert und aufbereitet – so wie es BMW im Einkauf mit dem Multi-Agenten-System „AIconic“ bereits umsetzt. Das System vereint zehn spezialisierte Agenten, die Themen wie Qualität, Einkaufsdaten und Prozessunterstützung abdecken. Mit über 1.800 aktiven Nutzer:innen und 10.000 Suchanfragen zeigt BMW, wie dokumentenintensive Prozesse durch Agenten nicht nur schneller, sondern auch präziser werden. 

Ansatz 3: Agentisierung über die wirtschaftliche Perspektive 

Ansatz 3: Agentisierung über die wirtschaftliche Perspektive 

Der dritte Ansatz geht über die operative Ebene hinaus und stellt die Frage nach dem wirtschaftlichen Hebel. Hier wird durch die Brille von Wertschöpfung, Wettbewerbsvorteil und wesentlichen Kosten auf Prozesse geschaut. 

Die Logik ist klar, Agentisierung lohnt sich dort am meisten, wo entweder signifikant Geld verdient oder signifikant Geld gespart werden kann. Konkret bedeutet das:

  • Geld verdienen: Wo können Agenten die Wertschöpfung steigern? Schnellere Angebotszyklen, höhere Abschlussquoten durch bessere Datennutzung, personalisierte Kundenansprache in Echtzeit. Überall dort, wo Geschwindigkeit oder Qualität direkt den Umsatz beeinflussen, entsteht ein messbarer Hebel. 
  • Geld sparen: Wo fressen Prozesskosten die Marge? Manuelle Dateneingabe, redundante Prüfschleifen, aufwändige Compliance-Dokumentation. Diese Kostentreiber sind ideale Kandidaten für die Agentisierung. 

Der Weg führt dabei immer über dieselbe Abfolge: Hebel identifizieren, Prüfung, ob ein Agent sinnvoll ist, Umsetzung in einem Pilotprojekt, und schließlich Skalierung auf die gesamte Organisation. 

Von der Analyse zur Evolution: Drei Fähigkeiten für nachhaltige Agentisierung 

Die drei Ansätze helfen, die richtigen Prozesse zu identifizieren. Doch nachhaltige Agentisierung erfordert noch einen weiteren Schritt. Prozesse müssen so gestaltet sein, dass sie sich mit der Technologie weiterentwickeln, nicht nur einmalig optimiert werden. 

Drei Fähigkeiten bilden dafür das Fundament. Erstens braucht es Echtzeit-Sichtbarkeit in die tatsächlichen Arbeitsabläufe. Hochauflösende Prozessmodelle ersetzen vereinfachte Annahmen und geben Führungskräften ein realistisches Bild dessen, was wirklich passiert. Zweitens ermöglichen digitale Zwillinge eine risikoarme Experimentierumgebung, in der neue Workflows, Abläufe und Strukturen getestet werden können, bevor sie den laufenden Betrieb berühren. Das verkürzt Validierungszyklen und erhöht die Experimentierfreude. Drittens übernehmen agentenbasierte KI-Systeme Aufgaben, die Wahrnehmung, Vorhersagen und Entscheidungen erfordern. Dadurch sinkt der Koordinationsaufwand und Prozesse lassen sich flexibler steuern. Das bedeutet für die Praxis? Wer Agentisierung nicht als einmaliges Projekt, sondern als kontinuierliche Weiterentwicklung seiner Prozesslandschaft versteht, schafft die Voraussetzung für nachhaltige Wettbewerbsvorteile. 

Checkliste: So gehen Sie vor 

Wer systematisch Agentisierungs-Potenzial identifizieren will, kann sich an folgender Vorgehensweise orientieren. 

1. Schritt 06

Bestandsaufnahme

Unser Fazit
Erst der Prozess, dann der Agent – und dann die Evolution 

Die Versuchung ist groß, direkt mit der Technologie zu starten. Doch unsere LEITWERK-Erfahrung zeigt eindeutig, dass erfolgreiche Agentisierung mit der Prozessarbeit beginnt. Wer seine Prozesse kennt, seine Dokumente versteht und den wirtschaftlichen Hebel identifiziert hat, schafft die Grundlage für KI-Agenten, die tatsächlich Wert liefern. 

Doch dabei sollte es nicht aufhören. Das Ziel ist nicht die einmalige Optimierung, sondern der Aufbau einer Prozessarchitektur, die sich mit der Technologie kontinuierlich weiterentwickelt. Echtzeit-Sichtbarkeit, digitale Zwillinge und agentenbasierte Systeme bilden zusammen das Fundament für Unternehmen, die den Sprung von episodischer Transformation zu kontinuierlicher Evolution schaffen wollen. 

Die Gründe für Unternehmen, Prozessmanagement zu betreiben, waren nie größer und die Hürden nie kleiner. Gerade für Unternehmen, die es mit KI ernst meinen, ist ein fundierter Blick auf die eigenen Prozesse der unverzichtbare erste Schritt und die Bereitschaft zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der zweite. 

FAQ - Häufig gestellte Fragen

01
Welche Rolle spielt LEITWERK Consulting bei der Agentisierung?

LEITWERK Consulting begleitet Unternehmen nicht als Technologieanbieter, sondern als Prozesspartner, von der systematischen Analyse der Prozesslandschaft bis zur Umsetzung erster Pilotprojekte. Der Ansatz beginnt bewusst vor der Technologie: Welche Prozesse lohnen sich überhaupt? Wo liegt der wirtschaftliche Hebel? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, geht es an die Agentisierung. Das unterscheidet LEITWERK von klassischen IT-Dienstleistern, die häufig mit einer Technologielösung starten und dann nach passenden Anwendungsfällen suchen. 

02
Was ist Agentisierung und warum ist sie jetzt relevant?

KI-Agenten übernehmen eigenständig Aufgaben, die bisher Menschen erfordert haben, von der Dokumentenverarbeitung bis zur Entscheidungsunterstützung. Die Technologie ist reif genug für den Praxiseinsatz, doch nur ein geringer Anteil der Unternehmen vertrauen KI-Agenten bisher bei Kernprozessen. Die Lücke zwischen Potenzial und Umsetzung ist groß und somit auch die Chance, sie effektiv einzusetzen.

03
Wie finde ich heraus, welche Prozesse sich für KI-Agenten eignen?

Drei Perspektiven helfen:

  1. Die Prozessstruktur, regelbasierte, wiederholbare Abläufe sind ideale Kandidaten.
  2. Die Dokumentenintensität, wo viele Dokumente manuell erstellt oder zusammengeführt werden, können Agenten direkt Wert liefern.
  3. Der wirtschaftliche Hebel - dort, wo Geschwindigkeit den Umsatz steigert oder Prozesskosten die Marge fressen. 
04
Reicht es, KI-Agenten einfach auf bestehende Abläufe aufzusetzen?

Nein. Wie bei der Einführung der Elektrizität in Fabriken entstehen die wirklichen Gewinne erst durch die Neugestaltung der Abläufe, nicht durch das bloße Ersetzen einer Komponente. Daten müssen maschinenlesbar sein, Systeme über APIs zugänglich, und Silos aufgelöst werden. 

05
Wie geht man Agentisierung konkret an?

Es bewährt hat sich ein schrittweises Vorgehen. Bestandsaufnahme der Prozesslandschaft, Datenerhebung zu Kosten und Aufwänden, Priorisierung nach den drei Perspektiven, Machbarkeitsprüfung, Pilotprojekt – und erst dann die schrittweise Skalierung.  

06
Was unterscheidet nachhaltige Agentisierung von einmaligen Automatisierungsprojekten?

Nachhaltige Agentisierung ist kein Projekt, sondern eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Prozesslandschaft. Sie braucht drei Fähigkeiten: Echtzeit-Sichtbarkeit in reale Abläufe, digitale Zwillinge zum risikoarmen Testen neuer Workflows und KI-Systeme, die nicht nur ausführen, sondern wahrnehmen, vorhersagen und urteilen. 

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